Am Nordkap.

Die Straße zieht sich endlos durch ein Land, das auf Karten sparsam gezeichnet ist: Fels, Flechten, Wind – und dazwischen Rentiere, als wären sie die wahren Eigentümer dieser kargen Weite. Die letzten hundertfünfzig Kilometer kommen mir vor wie ein Crescendo: stilles Pochen der Vorfreude, ein Ziehen zum Rand des Kontinents, als hielte man den Atem an, um nicht die Erwiderung der See zu stören.

Es ist schon beinahe Saisonende; das Kap wirkt wie ein ausklingendes Fest. Nur vereinzelt Besucher, verstreute Tagestouristen, keine Cars, und auf dem Weg ans Nordkap erstaunlich viele Bikepacker – zäh, mit Windschutz unter dem Helm und stetem Tritt, tausende Kilometer im Gepäck. Ihr Anblick verleiht dem Weg ans Nordkap etwas Heroisches: Jede*r für sich eine Odyssee gegen Wind und Klima.

Der Himmel ist gnädig, es ist kalt, oft sonnig, klar, dann wieder ziehen dünne Dunstschwaden wie Fremde vorüber. Das Wetter? Es wechselt halbstündlich, als spiele der Nordatlantik mit meiner Erwartung. Dann, plötzlich, Licht, und die freie Sicht auf die äusseren Klippen: dreihundert Meter steiler Abgrund, ein Vorhang aus Stein, der das Meer in seiner Unermesslichkeit hält. Ich parke, dann stehe ich am Rand und fühle mich zugleich winzig und doch unverrückbar.

Der alte schiedeiserne Globus – jene Ikone, die viele hierher führt – steht heute und jetzt, wo ich davor stehe, allein auf der Plateaukante, eine kühle Allegorie des Treffens der Welt unter einem polaren Himmel. Er ist Symbol und Pose zugleich. Ich denke bereits an morgen, da werde ich auf der Landzunge westlich vom Nordkap zum wirklich nördlichsten Punkt Europas wandern, 20 Kilometer, auf jeden Fall kein Pappenstil.

Und das altehrwürdige Gebäude am Kap – einst Inbegriff menschlicher Standhaftigkeit gegen die Unwirtlichkeit! In den letzten Jahren ist es zu einem allzu sichtbaren Ausdruck der Kommerzialisierung verkommen, leider, aber nachvollziehbar. Ein erweiterter Bau, voll privatisiert, überflutet vom Massentourismus, Eintritt für einen Tee, Souvenir statt Erinnerung. Dennoch: seine Mauern tragen Geschichte; trotz Degeneration bleibt es ein Muss – ein Ort, an dem Moderne und Mythos sich berühren.

Gegen Abend dann rolle ich auf den Parkplatz für die morgige Wanderung, sehe die karge, torfige Ebene im letzten Gold, den Globus verankert im Gedächtnis. Ein schöner, wenn auch etwas unwirklicher Tag. (Warum genau bin ich jetzt eigentlich hierher gefahren?…) Und doch kann ich jetzt, ohne Pathos zu sparen, sagen: „Nun war ich da.“

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