Weit oben im Norden Norwegens springt ein Haufen Inseln und Halbinseln südwestlich ins Meer davon, abgesplittert vom sowieso extrem fragmentierten Küstenverlauf. Was besonders ins Auge fällt: Da ist das Meer, und meist gleich dahinter wird es steil, wo gelebt wird, ist mehr oder weniger Seehöhe. Die Landschaft wirkt wie ein überhöhtes Geländerelief, um Erhebungen auf sehr grossen Flächen im Verhältnis besser sichtbar zu machen.
Es fängt an mit einer sehr stürmischen Nacht – eine Gewitterwand liegt rot im Abendhimmel, feuchte Winde breiten sich unheilvoll aus. Ich stelle mich (resp. mein Auto) Nase voraus in den Wind, der in der Nacht auf über 100 Stundenkilometer Spitze zunehmen soll. Der Wind rüttelt während des Abends schon an allen verfügbaren Flächen, Böen greifen den Van wie grosse Hände, wahre Schläge sind es, die das Fahrzeug beuteln; in der Nacht merke dann aber nicht mehr viel davon; ich bin mit einem guten Schlaf gesegnet. Aber ich sage es so: am Abend parkt ein tschechisches Paar mit einem Dachzelt neben mir, man sieht schon, mit wie viel Widrigkeiten sie zu kämpfen haben, das Zelt zu öffnen. Am Morgen sind sie nicht mehr da, vermutlich fortgeblasen. Abgerissene Äste am Boden zeugen von der nächtlichen Windstärke.
Am nächsten Tag lässt der Wind soweit nach, dass ich wieder geradeaus fahre, wenn keine Kurven in der Strasse sind. Und so fahre ich über unzählige Brücken und durch unzählige Tunnels – viele davon gehen unter dem Meer hindurch; einen Kilometer lang steil nach unten und dann einen Kilometer wieder steil hinauf bis ins Tageslicht –, und fahre bis ganz hinunter, bis nach dem Dorf Å.
Von hier heisst es zu Fuss weiter in eine unwirtliche Natur hinaus. ich mache einen Abstecher ins angrenzende Seetal hinein, kehre aber nach wenigen Stunden um; weitere Wege führte über zwei Gebirgssattel, die eine andere Ausrüstung erfordern, als ich sie gerade mit mir führe.
Ich verlege mich aufs Radfahren, breche aber wegen erneut auffrischendem Wind rasch wieder ab.
Hier unten in denLofoten (wie auch schon verstreut auf dem ganzen Weg hierhin) sieht man überall riesige Spitzdach-artige, mehrstöckige Holzgerüste, die, wie ich herausfinde, dazu da sind, um Fisch zu trocknen. Es ist hier kalt, windig und trocken genug dafür, so kalt, dass keine Keime aufkommen und nicht so kalt, dass die Fische gefrieren. So trocknen sie und werden zu Stockfisch. Aha. Welcher – wie ich später per Zufall lerne – zu fast hundert Prozent nach Nigeria exportiert wird. Aha! Und warum das in aller Welt? Weil Norwegen in den 60er-Jahren Hilfslieferungen gegen die Hungersnot aufgrund des Biafra-Krieges nach Nigeria schickt, bestehend aus Stockfisch. Aha!! Seit da ist Stockfisch aus der traditionellen nigerianischen Küche nicht wegzudenken. Allerhand. (Wann immer die norwegische Stockfisch-Industrie übrigens versucht, andere Märkte zu erschliessen, stellt sie fest, dass es die nigerianische Exilbevölkerung ist, welche die Nachfrage stellt.)
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Von Moskenes, gleich vor Å, fährt eine Autofähre nach Reinsletta, was ein gutes Stück Autofahrt abschneidet. Die Fähre ist jedoch auf über eine Woche hinaus ausgebucht (Ja, die Lofoten sind zu dieser Zeit ein gern besuchtes Camper-Ziel). Und so mache ich mich stoischen Mutes auf den Weg zurück, wieder Richtung Norden, bis nach Bjerkvik, von wo aus es endlich wieder südwärts geht. Zu meiner Schande stelle ich Tage später, als ich eine andere Fähre nehme, die am gleichen Hafen anlandet, fest, dass ich auf dem Weg zurück zum Wendepunkt eine zweite Fähre übersehen habe, die mir immerhin noch den halben Weg erspart hätte.
Als kleiner Ausgleich dafür kommt mir eine der zahlreichen grossen, aber filigranen, zum Teil Jahrhunderte alten Holzkirchen entgegen, die über ganz Norwegen verteilt sind.
Es gibt hier auf den Lofoten einige Orte, an denen ich mich niederlassen würde, denke ich und setze auf dem Weg einige Pins, wo ich mir einen Logde an einem See oder im Waldhang vorstellen könnte. Aber dann… es ist eine Gegend, in der man zu leben wählt, wenn man sich den Unbilden der Natur entgegenstellen will.






















