Es sind die Tage nach meinem dritten Landmark-Seminar im Indischen Karnataka, die mich erneut auf die Kaffeeplantage von Manu und Bramananda führen, erste Pläne für eine automatische Abdeckanlage für ihren Kaffee in der Tasche. Erneut führen lange Spaziergänge den Waldstrassen entlang in die Wunder einer vom Kaffee geprägten Landschaft.
Es ist sechs Uhr morgens. Der Alarm auf meinem Telefon, eine angenehme Vibraphon-Melodie, bringt mich gerade rechtzeitig in den erwachenden Tag, um bewusst die Glocke zu hören, die draussen auf dem Hof den Morgen verkündet. Zeit, aufzustehen, Zeit für einen kleinen Marsch. Innert zehn Minuten stehe ich vor meiner Tür, zwei Minuten später sind wir unterwegs. Ich folge Bramananda, seinen Strassen und Wegen, seiner Plantage entlang.
Ich bin ausgestattet mit einem hölzernen Stock; eigentlich ist dies sein Stock, er nimmt sich einen anderen.
Wenn der Tiger kommt (einer von 400 hier im Nationalpark), ist der Stock im besten Fall der Zahnstocker für den Tiger nach beendetem Mahl. Wir haben Glück: heute zeigt er sich nicht. Die Hunde bleiben zahm. Auch Elefanten sehen wir keine.
Bramanda wird hier der Gehende Mann, the walkin man, genannt, jeden Morgen macht er seine Märsche rund ums und durch das Grundstück, das riesig ist, man kann sich verlaufen, kein Problem. Jedoch besser nicht – wegen des Tigers. Alle anderen Tiere bleiben auf Distanz, normalerweise, einzig der Tiger, wenn hungrig, jagt und wenn, dann mit Erfolg.
Der Weg führt uns zuerst aus der Plantage hinaus an die Strasse, die gerade erst zum Leben erwacht. Erste Autos rollen in beide Richtungen, gehupt wird noch nicht. In der Nacht ist ein Heimkehrender hinter dem Steuer eingeschlafen und hat seinen Wagen sanft an die Böschung gelegt, so scheint es. Eben fährt der Abschleppwagen heran. Einige Männer stehen auf der Strasse, zum schauen, zum helfen, Bramananda spricht mit ihnen, es sei alles gut, nichts passiert.
Die Feuchte der Nacht liegt noch in der Luft, stellenweise auch Nässe auf der Strasse vom Bewässerungssystem. Diese benetzten Flächen sind die bevorzugten der Büffel; sie kommen in der Nacht durch die Hecken und stehen dann in Gruppen im Kaffee und unter den Bäumen, manchmal kaum auszumachen. Nicht zu unterschätzen seien sie und anständig gross. Besser auf Distanz, wie die Tiere.
Links und rechts zeigt Bramanda auf Kaffeestäucher: Jener habe gestern geblüht, diese hier blühten morgen. Wenn sie blühen, verströmen sie einen sagenhaften Duft. Dies ist die Zeit dafür, einmal im Jahr kommt sie, diese Zeit, und dann sind die Märsche den verschiedenen Duftstadien und -noten gewidmet. Gesund sei das Einatmen obendrein; ich glaube es gerne.
Nach einer guten Weile Marsches, mitten in blühenden Sträuchern, geht im Wald die Sonne auf. Die Kaffeeblüten sehen auf wie frisch gefallener Schnee, die Bäume, deren Rinde rot ist, beginnen zu leuchten. Bramananda’s Lieblingsbäume: Riesig und fest stehen sie im Wald, weise und still und alles andere überragend, weit in den Himmel hinauf langend mit den obersten Ästen und Blättern, wo die Vögel kreisen.
Eine aktuelle Whatsapp-Nachricht verkündet: Gestern Abend wurde hier ein Mann von einem Elefanten zu Tode getrampelt. Mit Film des Elefanten und Bild des Toten. Makaber und in grossem Gegensatz zum Erlebten. Aber Realität. Fake dagegen sind so gut wie alle Videos aus dem mittleren Osten, die sich Bramananda auf Facebook und Tiktok anschaut. Wie einer wie er dazu kommt, sich das anzuschauen, keine Ahnung.
Mit der Sonne wird es schlagartig warm, dann heiss, auch im Schatten, Zeit, umzukehren. Zurück auf der Plantage Reparaturarbeiten an einem selbstgebauten Wagen und Korrektur eines kapitalen Konstruktionsfehlers in der Lenkung. Der Stromverteiler versucht mit dem Schweissgerät Schritt zu halten. Der abgewetzte Bohrer müht sich durchs Metall. Solange es Schatten hat, ist es auszuhalten.
So vergeht der Tag.































