Red Bus – Indien’s Public Rollercoaster.


Eine Bisquit-Schachtel auf 4 Rädern, alles klappert, scheppert und klingelt pausenlos und bei 100 Stundenkilometern fühlt es sich genauso an wie der Start einer Apollo 11 Rakete, da bin ich mir sicher. Es ist der Start ins Erlebnis Indien. Und ich bin angekommen. Aber der Reihe nach.

Angefangen hat alles mit dem logistischen Bedürfnis, aus dem Dschungel heraus in eine dichter bevölkerte Gegend zu kommen, im Wesentlichen mit einem Hotel und einer Apotheke bevölkert, da ich von der stundenlangen ‚Jagd‘ nach Elefanten im Unterholz (wenn schon keine Tiger) am Vortag aufgrund Dauerdurchzug stark erkältet und geradezu fiebrig war. Die Elefanten zeigten sich nach epischer Kurvenschneiderei kreuz und quer durch den südindischen Dschungel auch tatsächlich um zehn Uhr nachts, als kleine Gruppe im dunklen Wald gemütlich Laub und Gras in sich hinein schaufelnd mit ihren Rüsseln, keinesfalls erstaunt oder erschreckt. Ich hingegen schon, da der Fahrer wegen der Elefantensichtung, an die man fast nicht mehr geglaubt hatte, eine sofortige Notbremsung eingeleitet hatte und ich in die Kopfstütze vor mir biss.

Die Safari-Expedition wurde also doch noch ein Erfolg, was mich ehrlicherweise erstaunte, denn bei all den zahllosen pausenlos hupenden, Russ ausstossenden, Staub aufwirbelnden Bussen, Lastern, Jeeps, Autos und Tuk Tuks auf der offziellen Safari-Strecke hätte ich mich als Tiger oder Elefant auch nicht sehen lassen.


Wie ich ins nächste Städtchen kommen würde, überliess ich als echter Reisender ohne Vorausplanung bis ins letzte Detail den Geschicken des Himmels und marschierte einfach einmal drauflos, irgend etwas würde sich auf den nächsten 32 Kilometern bis ins Städtchen schon ergeben. Und tatsächlich, oh Wunder! – nach kaum einer Viertelstunde Fussmarsch kam ein Bus hinter mir die Strasse herauf geschnauft. Die Busse hier erspähen jeden potentiellen Fahrgast, hupen ihn an, dass er fast in den Graben fällt und halten an, wenn einer einsteigen will, was ich wollte. So kam ich in den Genuss des ersten öffentlichen Verkehrsbusses des Tages und nach einer Stunde ins erwähnte nächste Städtchen, wo ich mit Begeisterung zwei indische Kaffees trank und dem chaotischen Verkehrsgewühl vor mir auf der Strasse zuschaute.

Angestachelt vom aufgekeimten, meine Erkältung in den Hintergrund drängenden Abenteuergeist und der Tatsache, dass ich für die ‚richtigen‘ Busse sowieso weiter musste, erkundigte ich mich nach dem nächsten Bus in die nächste grössere Stadt, welcher tatsächlich in fünf Minuten hier eintreffen sollte – was für ein Glück erneut!

Der Bus kam und stellte sich als einer ebenjener Red Busses heraus, der öffentlichen Busse, die kaum etwas kosten und einen das auch spüren lassen, wie sich bald zeigte.

Als Erstes waren sämtliche Sitzplätze sofort belegt, noch bevor der Bus ganz angehalten hatte und die Passagiere ausgestiegen waren – wer das nicht kennt, hat schon verloren. So stand ich also im hinteren Teil des Busses und hielt mich vorsorglich gut fest, denn der Busfahrer legte gleich zu Beginn ein horrendes Tempo vor und schoss über die von Schlaglöchern übersäte Strasse, deretwegen der Chauffeur seine Fahrt aber nicht im Geringsten verlangsamte, und so hob es mich bei erstbester Gelegenheit in die Luft, und nachdem ich mir den Kopf gehörig an der Decke angestossen hatte, landete ich mit meinem rechten Fuss auf dem linken grossen Zeh meines Hintermannes, der laut aufschrie. Diesem Ausdruck indischer Unebenheiten liess sich während der weiteren Fahrt nur begegnen, indem ich mit leicht angewinkelten Knien stand, um das Auf und Ab abzufedern, was auf die Dauer anstrengend ist, aber ich fand den rechten Mix heraus. Aus dieser Position heraus war es recht fröhlich anzuschauen, wie alle Sitzenden bei Bodenwellen jeweils in die Luft gingen und oft nicht ganz da landeten, von wo aus sie abgehoben hatten.

Die Fahrt in die nächste Stadt dauert übrigens exakt zweieinhalb Stunden, was sich aber nur dann realisieren lässt, wenn der Bus pausenlos überholt, was bedeutet, dass er sich so gut wie ausschliesslich auf der Gegenfahrbahn befindet, alles vor und neben sich weg hupt und nur ganz kurz Platz macht, wenn ein Lastwagen oder ein anderer Bus (seinerseits gerade nicht auf der Gegenfahrbahn) entgegen kommt – alles andere ist verpflichtet selber zu schauen, wo es bleibt. Ein System, das bis auf wenige Hunderttausend Verkehrsunfälle pro Jahr übrigens hervorragend funktioniert. Ein weiterer entscheidender Faktor bei der Einhaltung des exakten Zeitplans ist die optimale Geschwindigkeit, und das heisst generell immer so schnell wie technisch und damit physikalisch möglich. Da es sich um grosse Busse mit bescheidener Motorisierung handelt, bedeutet das, abwärts bis auf 100 oder mehr Stundenkilometer Tempo aufzunehmen, so dass das Gefährt nur knapp nicht abhebt oder sich eigenhändig in seine Einzelteile auflöst, und bergauf, durch Newtonschen Widerstand eingebremst, mit 10 Stundenkilometern einen Laster zu überholen, der nur 9 schafft. Pausenlos hupend, um jeden Meter kämpfend, und ich als Fahrgast hell begeistert, mittlerweile sitzend und mit den andern zusammen abhebend und landend, bangend, fluchend, jauchzend, nachdem an einer der Zwischenstationen etliche Gäste ausgestiegen waren und ich mittlerweile wusste, was bei der Ergatterung eines Sitzplatzes entscheidend ist.

Sitzend und schwitzend kam ich schliesslich sehr pünktlich an und nahm – hinaus gesprungen und dem davoneilenden roten Balken hinterher schauend – den Enthusiasmus und den Schwung mit in den nächsten Abschnitt am nächsten Tag – die Erkundung der Stadt, in die ich gelangt war.

Ich kann diese indischen öffentlichen Busse jedem empfehlen, der seine Lebensgeister einmal etwas wach rütteln möchte. Und den indischen Verkehrsbetrieben empfehle ich, nicht nur den gesamten Verkehr zu überholen, sondern ab und zu auch ihre Busse.