Reisen auf den Spuren meiner selbst.

Reisen. Um zu reisen. Unterwegs sein, das ist der Treibstoff, nicht der Ort, an dem man ankommt. Und doch kommt man immer wieder an unterwegs, trifft auf Orte, Menschen, Momente, die einem etwas Kleines mit auf den weiteren Weg geben: Ein Wort, ein Lächeln, eine kurze oder längere Unterhaltung, ein Geschenk gar, eine Einladung zum Essen, zum Bleiben, Gesten des Willkommenheissens, des Willkommenseins, im Wissen um die Flüchtigkeit der Geste, und im Wissen darum, dass genau in dieser Flüchtigkeit das Salz liegt, das ganze Glück, für beide, für Mensch und Ort, Moment und Zusammentreffen, für Wahrnehmung und Dankbarkeit. Und dann, dann geht, fliesst, strebt beides weiter, zum nächsten Rendez-Vous, zur nächsten leichten, kurzen, traumhaften Verschmelzung. Das ist Reisen; das Reisen des Glücks, bei dem man sich selber relativiert und aufgeht in der Welt.

Google Maps ist grossartig. Es führt mich nicht nur zielsicher an jeden Ort und umfährt jeden kilometerlangen Autobahnstau durch Wohnquartiere, 30er-Zonen und über ebenso kilometerlange Feldstrassen. Sondern es weiss auch weit im Voraus, was für mich das Beste, das Schönste, das Gewinnbringendste und Ereignisreichste auf der Strecke vor mir sein wird, welche Orte mich interessieren werden und welche nicht, welches Restaurant ich mögen, welches Museum mich interessieren könnte. Der perfekte Reise-Guide auf jedem Bildschirm rund um mich herum.

Dieser ’neuen‘, elektronischen Welt der effektiv immer besseren und zielgerichteteren Information erlag ich nur zu gern. Es erspart mir all die Irrwege, die zu späten Ankünfte, die verpassten Gelegenheiten links und rechts meines Weges (und tatsächlich habe ich dank Google Maps und dank vieler anderer Apps, Foren, Blogs, usw. Dinge entdeckt, an denen ich sonst achtlos vorbeigedonnert wäre!).


Es erspart mir auch jeden kleinen Moment unverhofften Glücks, wenn sich mir im Schatten eines Baumes oder hinter einer Kuppe plötzlich etwas offenbart, womit ich nimmer gerechnet hätte.

Wie kann das sein? Meine Beobachtung: Je mehr ich mich ziehen, führen, drücken lasse von Echtzeit-Information, desto weniger geöffnet bin ich für das, was tatsächlich IST.

Was kann das sein? Ein Berber, der mir einen Silberreif verkaufen will, als ich ihn am Wegrand komplett richtungslos nach einem Ort auf meiner neuen Michelin-Karte frage, der da nicht verzeichnet ist. Er hat eine alte Michelin-Karte, erklärt mir anhand ihrer den Weg und schwenkt wieder auf den Silberreif. Schliesslich ist unser Handel: Der Silberreif und seine alte Michelin-Karte gegen meine neue Michelin-Karte. Er wie ich sehen uns als Gewinner und schütteln uns herzlich die Hände.

Was kann es noch sein? Die Fahrt in die Berge zu dem Dorf, durch das ich schon ein früheres Mal kam. Kurz vor dem Dorf ein Feldarbeiter mit einer argen Schnittwunde. Ich kann ihm mit Desinfektion, Salbe und Verband rudimentär Hilfe leisten. Damals sagte ich: Nächstes Mal bringe ich euch Medikamente mit! Jetzt ist das nächste Mal. Doch bin ich auf der richtigen Strecke? Schilder gibt es nicht, nach der ersten Abzweigung auch keine Strasse mehr; es ist lockerer Schotter, Sand, Fels, der im Schritttempo zwischen Bäumchen und Sträuchern vorwärts durch Wiesen und Wälder, durch Haine und Ränke aufwärts führt. Raten, fragen (wann immer jemand sich zeigt auf dem Weg), immer wieder Abzweigungen. Ich wusste vom letzten Mal: Es sind 80 Kilometer – etwa 10 Stunden –, ich gelange vor Hitze fast in ein Delirium, plötzlich ist das Ziel, das Dorf, die Kiste Salben, Pillen und Mullbinden im Heck nicht mehr die Geschichte, sondern nur noch das schiere Dahinholpern unter sengender Sonne, das alle 10 Meter den Kopf am Türrahmen des Wagens anschlagen. Einmal eine Pause, eine Büchse Thunfisch. Einmal ein alter Landrover, der gerade vor mir beinahe umkippt beim Ausweichen – innert einer Sekunde sind alle vier Passagiere vom Dach auf den Boden gesprungen und stützen das Gefährt. Dass ich nach 10 Stunden dieses Dorf tatsächlich wider Erwarten ein zweites Mal erreiche, lässt mich fast zusammenbrechen vor Unfassbarkeit.

Es sind unzählige solcher an sich nebensächlicher Erlebnisse, die aus dem Nichts auftauchen, die alle Strapazen wettmachen, die bleiben.

Ich will sagen: Wirklich wichtig und prägend sind nicht Effizienz und Höchstleistungen, möglich viel Verfügbares, möglichst umfassende Information und Organisation, sondern das Kleine, Zufällige, das uns aus dem Nichts heraus begegnet, an dem wir nicht vorübergehen; das wir als ‚für uns‘ erkennen, weil wir den Raum dazu haben. Weil wir eben nicht zugestreamt sind.

Das sind meine Spuren. Diesen reise ich nach. Es sind dies auch die Spuren zu mir, das fühle ich. Es ist ein Weg zurück, für mich ein Weg vorwärts, hinaus aus der Überlast, hinaus in den Moment.

Die alte, tausendmal gefaltete Michelin-Karte des Berbers habe ich, sie liegt griffbereit über der Sonnenblende.

Auf dem vierten Bild halte ich übrigens ein Orange SPV M500 in der Hand, eine Art Vorläufer des iPhones, eines der ersten (wenn nicht das erste) Telefone ohne physische Tastatur, das schon einiges konnte, natürlich Äonen von heute entfernt, vor allem, weil es ja die ganzen Angebote nicht gab. Aber: Da nahm das Ganze Übel seinen Anfang.

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